Landtagsrede Kinderland Niedersachsen? Fehlanzeige für psychisch kranke Kinder und Jugendliche!
Herr Präsident! Meine Damen und Herren!
Jedes Kind, jeder Jugendliche in Niedersachsen muss die Möglichkeit haben, im Falle einer psychischen Erkrankung schnell und ortsnah alle notwendigen medizinischen Leistungen zu erhalten. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein.
Leider ist es trotz aller Anstrengungen keine Selbstverständlichkeit. Seit Beginn der 1990er-Jahre haben wir einen dramatischen Anstieg im Bereich der psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen - eine Entwicklung, auf die in den mehr als 15Â Jahren nicht annähernd ausreichend reagiert wurde bzw. werden konnte. Letztendlich ist es egal, wer in dieser Zeit an der Regierung war. Im Moment ist noch vieles Flickschusterei. In diesem Bereich kann sich niemand irgendetwas auf die Fahnen schreiben. Hier haben wir ein großes, schwieriges Arbeitsfeld, das es zu beackern und zu bearbeiten gilt.
Meine Damen und Herren, seit Jahren ist die Problematik bekannt, dass die ambulante psychiatrische Versorgung mit Fachärzten völlig unzureichend ist. Das gilt insbesondere für den Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zu dieser Problematik gehört auch, dass der Anreiz für eine niedergelassene Tätigkeit als psychiatrischer Facharzt ungenügend ist. Daran werden aller Voraussicht nach weder die veränderte Aufteilung der im psychiatrischen Bereich tätigen Fachgruppen noch die jüngsten Änderungen der KVN bei der Honorarverteilung etwas ändern.
Die Folgen der unzureichenden Versorgung im ambulanten Bereich sind Wartezeiten von vier bis acht Wochen. Das ist für Kinder ebenso wie für Erwachsene unzumutbar. Durch die langen Wartezeiten kommt es zu vermehrten Einweisungen in Kliniken. Dort fehlen dann wieder Betten für andere Patienten. Letztendlich ist es ein Teufelskreis, der die betroffenen Kinder und Familien und auch die Gesellschaft teuer zu stehen kommt.
Wenn eine längst überfällige Behandlung nicht durchgeführt wird, verfestigen sich bei den Kindern und Jugendlichen die Krankheitsbilder. Ich glaube, uns allen ist bekannt, dass eine ambulante Behandlung erheblich günstiger ist als eine stationäre. Erschreckend ist, dass in vielen Fällen eine stationäre kinder- und jugendtherapeutische Behandlung nicht angezeigt ist, sondern dass nur eine rechtzeitige ambulante Behandlung einen langen Krankheitsprozess vermeidet.
046PL124.doc
Wee / 12.07.2007 / stk
Der weitere Ausbau der stationären Kapazitäten, wie er in dem Antrag der SPD-Fraktion gefordert wird, sollte unseres Erachtens mit Bedacht erfolgen. Angebotserweiterungen im stationären Bereich induzieren Nachfrage, die nicht immer befriedigt werden sollte, da stationäre Behandlung nicht immer der richtige Weg ist.
Es besteht leider in einigen Fällen die Tendenz, schwierige Jugendliche aus Heimen in die Psychiatrie einzuweisen, weil die Mitarbeiter in der Jugendhilfe überfordert bzw. ratlos sind. Der Ausschuss für Angelegenheiten der psychiatrischen Krankenversorgung hat seit Längerem eine stärkere Kooperation und Verzahnung der Handlungsebene Jugendhilfe mit der Handlungsebene Psychiatrie angemahnt. Beide Versorgungsbereiche wirken bisher völlig unabhängig voneinander. Inwieweit dieser Empfehlung nachgekommen wurde und was in der Praxis geschehen ist, darüber sollten wir uns im Ausschuss unterrichten lassen. Meines Erachtens ist die Situation nach wie vor unbefriedigend.
Meine Damen und Herren, der Antrag der SPD-Fraktion sollte im Ausschuss gründlich ? unter Anhörung der Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Kammern und psychiatrischen Kliniken für Kinder und Jugendliche ? beraten werden, um auf diesem schwierigen Arbeitsfeld gemeinsam im Interesse der Kinder und Jugendlichen etwas zu bewegen.Â